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Duftwissen · Komposition

Warum ein Akkord nicht die Summe seiner Teile ist

Drei Öle zusammenzugießen ergibt nicht drei nebeneinander wahrnehmbare Düfte. Manches setzt sich durch, manches verschwindet, und manchmal entsteht etwas, das in keinem der Bestandteile steckte.

Der naheliegende Irrtum

Wer einen Akkord aus einem holzigen, einem zitrischen und einem würzigen Öl baut, erwartet etwas Holzig-Zitrisch-Würziges. Manchmal stimmt das. Oft aber riecht die Mischung nach einer einzigen Richtung – oder nach etwas, das sich mit keinem der drei Worte beschreiben lässt.

Die Liste der Bestandteile sagt, was drin ist. Sie sagt nicht, was man riecht.

Erstens: nicht alle sind gleich laut

Der häufigste Grund. Zwischen dem leisesten und dem lautesten Rohstoff liegen Größenordnungen, nicht Prozente. Ein kleiner Anteil eines durchsetzungsstarken Öls kann einen großen Anteil eines leisen vollständig überdecken.

Ein Akkord aus fünf Teilen Sandelholz und einem Teil Nelke ist kein Sandelholzakkord mit einem Hauch Gewürz. Er kann nach Nelke riechen – mehr dazu unter Duftintensität – wie laut ein Rohstoff ist.

Zweitens: Facetten verdecken einander

Ein vollständiges ätherisches Öl besteht aus Dutzenden bis Hunderten Verbindungen und trägt deshalb mehrere Charaktere zugleich. Weihrauchöl riecht harzig und frisch und leicht zitrisch.

In einer Mischung kommen selten alle davon durch. Steht daneben ein kräftiges Zitrusöl, geht die zitrische Facette des Weihrauchs darin unter – nicht, weil sie fehlt, sondern weil sie nicht mehr auffällt. Der Charakter ist vorhanden und trotzdem nicht wahrnehmbar.

Drittens: es entsteht Neues

Der interessanteste Fall. Zwei Rohstoffe können zusammen einen Eindruck erzeugen, den keiner von beiden allein trägt – in der Parfümerie der eigentliche Sinn eines Akkords.

Deshalb lohnt sich das Bauen von Akkorden überhaupt: Man sucht nicht die Summe, sondern die Verbindung. Ein Akkord ist gelungen, wenn er als ein Duft wahrgenommen wird und nicht als mehrere nebeneinander.

Was daraus fürs Mischen folgt

  • Rieche, bevor Du beschreibst. Welche Charaktere die Bestandteile tragen, steht in den Daten. Was die Mischung daraus macht, sagt nur der Duftstreifen.
  • Ändere eine Sache je Durchgang. Sonst lässt sich nicht zuordnen, was die Veränderung bewirkt hat.
  • Misch nicht gegen einen dominanten Anteil an. Mehr von allem übrigen macht die Mischung lauter, nicht ausgewogener. Der Weg führt über weniger vom Dominanten im nächsten Ansatz.
  • Zwei Rohstoffe mit demselben Charakter sind keine Dopplung. Zwei „grüne“ Öle können sehr verschieden grün sein und einander erst sichtbar machen.